Was Griechenland braucht, ist kein Sparprogramm
sondern ein Revitalisierungsprogramm
Der Ansatz war von Anfang an falsch
Das Umgehen mit der griechischen Krise ist ein lehrreiches Beispiel dafür, wie es nicht funktionieren kann. Der Ansatz war von Anfang an falsch. Für Griechenland gilt, was für Unternehmen gilt, die in eine Krise geraten sind. Zukunftsfähigkeit wird nicht durch ein Sparprogramm zurückgewonnen sondern durch ein umfassendes Revitalisierungsprogramm. Mit einer nationalen strategischen
Pro-Chancenmanagement-Initiative. Nur ein strategisches Chancenmanagement sichert Überleben, Wettbewerbsfähigkeit und Weiterentwicklung im Sinne eines wertschöpfenden Wachstums. Was ist mit den von allen Seiten geforderten Sparprogrammen? Der gesparte Euro bringt keine Weiterentwicklung, keine Wertschöpfung. Das gelingt nur durch den verdienten Euro aufgrund von guten Geschäften in der internationalen Wettbewerbsarena. Dafür braucht es professionelles Chancenmanagement. Intelligente Sparmaßnahmen sind ein wichtiger Bestandteil. Intelligent bedeutet: Vergeudungen abschaffen und vermeiden, damit die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel in Chancen investiert werden können.
Diese Stimmen bleiben leider in der Minderheit
Wichtig ist die richtige Hierarchie des Denkens und Handelns: umfassende Revitalisierung, strategisches Chancenmanagement, intelligente Lenkung der finanziellen Mittel. Diese Hierarchie sehe ich derzeit nicht in den Überlegungen und Diskussionen der Politiker. Und übrigens auch der meisten Experten und Journalisten. Die propagierte Lösung ist sparen, sparen, sparen. Ja, da und dort blitzt der Hinweis durch, dass tot gespart auch gestorben ist. Dass Griechenland (stellvertretend für alle Krisenkandidaten) international wettbewerbsfähig werden muss, dass der Wirtschaftsmotor wieder laufen muss, dass es dafür Unterstützung braucht. Diese Stimmen bleiben leider in der Minderheit. Bis jetzt.
Herzstück eines strategischen Chancenmanagement ist das Chancenportfolio
Herzstück eines strategischen Chancenmanagement ist das Chancenportfolio. Das Chancenportfolio ist eine strukturierte Übersicht über die sich bietenden Chancen und Chancenpotenziale bis weit in die Zukunft hinein. Im Kurier vom 30. Jun 2011 konnte man einen beachtlichen Versuch entdecken, was zukunftsträchtige Chancenfelder = Hoffnungsbranchen („Wo Hellas Hoffnung liegt“) sein könnten:
- Reedereien (griechische Reeder besitzen mit 3091 Schiffen mehr als deutsche Reeder)
- Schiffbau (Griechenlands größte Werft verfügt über eine hochmoderne Fertigungsanlage für konventionelle U-Boote)
- Transport (der Hafen Piräus könnte zu einer wichtigen Drehscheibe zwischen der EU und dem Nahen Osten werden)
- Tourismus (im Bereich Fremdenverkehr wäre mehr drinnen)
- Pharmaindustrie (einige multinationale Konzerne sind bereits in Griechenland aktiv)
- Solarenergie (Sonne gibt es im Überfluss)
Ob das nun tatsächlich die Chancenfelder sind, die Griechenland zukunftsfähig machen oder ob andere identifiziert und ausgewählt werden müssen, möchte ich dahin gestellt lassen. Die Suche nach diesen Chancenfeldern ist jedenfalls die wichtigste „Hausaufgabe“. Was kann, könnte Griechenland starken, innovativen Unternehmen bieten? Um mit diesen starken Unternehmen ein starkes Land zu werden (und zu bleiben).
Drei zukünftige fördernde Funktionen der EU
Auffallend ist, dass in den letzten Tagen plötzlich von „die Krise als Chance“ gesprochen wird. Schöne Chancenrhetorik genügt allerdings nicht. Gefragt ist professionelle Chancenmanagementkompetenz. Da geht es um ein klares Grundverständnis von Chance und Risiko (Vermeidung von Falschverständnissen), um Methoden und Techniken für die strategische und operative Praxis, um adäquate organisationale Architekturen, um chancenorientiertes Führungsverhalten, um Chancenmanagement als Thema in den Aufsichtsgremien. Ist Griechenland allein in der Lage, eine solche nationale strategische Chancenmanagement-Initiative zu gestalten? Oder benötigen die relevanten griechischen Institutionen Unterstützung, Beratung?
Ich sehe in diesem Zusammenhang drei zukünftige fördernde Funktionen der EU:
-
Stresstest des Chancenmanagement, ggf. Unterstützung in Form von professioneller Chancenmanagement-Beratung (Idee: Einrichtung eines EU-Zentrums für strategisches Chancenmanagement)
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Zurverfügungstellung von Zugängen zu finanziellen Mitteln
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Durchführung von Kontrollen (derzeit im Gespräch: Einrichtung einer eigenen EU-Instanz für
Kontrollen zur Sicherung der Compliance).
Nur diese drei Funktionen zusammen und verstanden als Bedingung rechtfertigen die Durchführung von staatlichen Rettungsaktionen mit Geld der Steuerzahler.
Papandreou bei Merkel: „Wir waren schlecht geführtes Land“ (Kurier vom 8. 9. 2011). Wenn Griechenland in Zukunft ein gut geführtes Land sein will, dann muss Chancenmanagement in der Führungsaufgabe insbesondere der Regierungsmitglieder fest verankert sein.
Gilt nicht nur für Griechenland: Regierungsmitglieder müssen professionelle Chancenmanager sein. Ein Postulat. Eine europäische Akademie dafür gründen?
Welches Spiel wird wirklich gespielt?
Eine Frage lässt mich nicht los: Von den Milliarden, die als Hilfsgelder nach Griechenland fließen werden – wieviel davon wird wieder im Finanzkreislauf landen und wieviel davon wird für die Förderung der Realwirtschaft übrig bleiben? Werden wir das je genau erfahren?
Ein abschließender Eindruck: Ich habe Schwierigkeiten damit, dass es einerseits heißt (getrommelt wird), dass eine Staatspleite Griechenlands eine weltweite Katastrophe auslösen könnte – und dass andererseits betont wird (immer wieder), dass finanzielle Zusagen der EU nur Wirklichkeit würden, wenn Griechenland seine Hausaufgaben macht. Dann also nimmt man eine globale Katastrophe auf den Finanzmärkten in Kauf? Wie groß ist die Katastrophe wirklich?
Oder ist es eher so: Die EU möchte sich solidarisch zeigen (daher das Angebot), baut aber sicherheitshalber Bedingungen ein. Wenn Griechenland die Bedingungen = Hausaufgaben nicht erfüllt – dann ist Griechenland eben selber schuld, nicht die EU. Und die Katastrophe ist dann wohl nicht mehr ganz so groß. Wie ja schon bei nicht vorgehaltener Hand ausgesprochen wird. Was ist also wirklich die Botschaft an Krisenstaaten? Verlässliche Solidarität? Wie grenzenlos? Jeder mache seine Hausaufgaben? Wie allein gelassen damit? Welches Spiel wird wirklich gespielt?
Muss ich pessimistisch oder kann ich optimistisch sein?
Die skizzierten Gedanken (die drei zukünftigen fördernden Funktionen der EU) müssten natürlich zu konkreten Konzepten weiter verarbeitet werden. Ob sich wohl (europäische, österreichische) Politiker dafür interessieren?
Schweigen?
Höre ich? Ja, aber das geht so nicht … Ja, aber das ist zu kompliziert … Ja, aber das passt nicht in die bestehenden Vorgehensweisen … Ja, aber dafür ist keine Unterstützung zu erreichen … Ja, aber dafür fehlt die Zeit … Ja, aber wir haben derzeit andere Schwerpunkte ….. ?
Oder höre ich? Ja, das ist im Prinzip ein guter Weg! Schauen wir’s uns genauer an!
Peter H. Halek
Kaltenleutgeben, 29. September 2011
